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Schweizer Bergpanorma

hinter strengem Raster

 

Mit Victor Papanek durch die totale

Gefangenschaft und die totale Freiheit.

 

 

 

Über meine Erfahrungen während meiner kleinen Studienwanderschaft von Stuttgart durch ein Schweizer Gefängnis bis an die italienische Riviera handeln die folgenden Worte. Victor Papaneks „Design für eine Umwelt des Überlebens“ und die Masterthesis von Moritz Schmidt und Timo Röhrig umrahmten meine erlebten Erfahrungen  perfekt. Es wurden Erkenntnisse und Worte erlebbar.

Ich fing an, über Gefängnisse und das Leben der Häftlinge nachzudenken. Generell finde ich es wichtig, neue Systeme kennenzulernen, in Systeme eintauchen, in denen man sich normalerweise nicht aufhält, war für mich als Student im Fach Produktgestaltung somit viel mehr als nur das Absitzen einer Strafe. Beruf ist Berufung, das Mitformen unserer Gesellschaft, die Abläufe und deren Produkte ist unser Job. „Design ist everything what we do everyday.“

Im Gefängnis gibt es zahlreiche Vorgänge und Abläufe, die mir fremd sind, die Häftlinge leben das Leben auf eine andere Weise. Es werden andere Möbel benötigt, der Tagesablauf ist ein anderer, auch Essen, Trinken und das Zusammenleben ist ein Anderes. Viele Dinge, die ein „Human well being“ anders aussehen lassen.

 

Einige Menschen, die eine Strafe verbüßen, dürfen oftmals eine Lehre im Handwerk absolvieren oder mit den bestehenden Fähigkeiten in einem Gefängnisbetrieb mitarbeiten. Da stellt man sich folgende Fragen:

Was sind Dies für Produkte, die hergestellt werden? Können sie in der Fertigung oder beim Nutzen optimiert werden. Wäre es nicht schön wenn Häftlinge sinnhaftige und funktionale Produkte für die Allgemeinheit schaffen würden? Könnte man die Häftlinge durch das Verkaufen der von ihnen gefertigten Produkte wieder einen Teil der Gesellschaft werden lassen? Können Häftlinge auf besondere Art und Weise nach außen Kommunizieren? Wie schafft man es der sehr hohen Rückfallquote von Häftlingen entgegen zu wirken?

23 km/h zu schnell, ein helles Licht, geblitzt dazu noch in der Schweiz. San Bernardino-Tunnel Tempolimit 80 km/h. Da kommt es, auf zweispuriger, geraden und freien Autobahn vor, dass man ein Tempolimit von 100km/h vermutet. Einige Wochen und einen schönen Urlaub am Lago Maggiore im Sommer 2014 später, kam dann das Schreiben aus der Schweiz, das eine saftige Geldstrafe von 670SFR mit sich führte. Umgerechnet rund 550€ waren für mich als Student keine leichte Sache, die man so kurz überweisen konnte und schon gar nicht wollte.

 

Deshalb recherchierte ich nach einer Alternative. Tatsächlich gab es eine Möglichkeit: Ich konnte meine Strafe auch in Form von Freiheitsentzug begleichen und in einem Gefängnis abzusitzen. Dies macht eine Haftzeit von vier Tagen aus. Ohne Mehrkosten und ohne Eintrag ins Führungszeugnis... Eine attraktive Alternative zur Geldbuße, wie ich finde.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Diese ganzen Fragen weckten in mir den Entschluss, mich aufzumachen auf meine Studienwanderschaft der besonderen Art. So günstig und unkompliziert wie möglich sollte es werden. Ich buchte eine Mitfahrgelegenheit von meinem Heimatort bis nach Göschenen. Eine Doktorandin einer weltweit agierenden Firma war meine Reisebegleiterin und ich freute mich an dem interessanten Gespräch. Es war viel besser als stumm und dumm alleine und selbst mit dem Auto unterwegs zu sein. Nach kurzem Fahrzeugwechsel und einem kleinen Snack ging es gleich weiter. Spontan erfolgte der Umstieg ins nächste Fahrzeug. Ein Schweizer „Stückgut“ Transporter nahm mich das nächste Stück der Reise mit. Sehr interessant, was ich da erlebt habe. Der Fahrer informierte mich über diverse Schweizer Dienstleistungen wie der Stückguttransport. Drei weitere nette unterschiedlichste Personen haben mich mitgenommen bis ich mein Ziel erreicht hatte: Realta bei Chur. Die  von mir entwickelte  „Mitfahrscheibe“ und das Ziel meiner Reise waren bei all meinen Mitfahrgelegenheiten an diesem Tag Gesprächsthema. Ein großer Teil meiner Wanderschaft sollten auch die Erfahrungen sein, die man macht wenn man sich etwas verrückter und anders durch unsere Gesellschaft bewegt.

 

Alles verlief planmäßig und somit war ich schon am Vorabend an der JVA in Realta angekommen. Nach einem kurzen Verhandeln mit einem Bediensteten,  durfte ich schon eine Nacht früher in das „Hotel-JVA-Realta“ einziehen. Meine gesamte Kleidung musste ich eintauschen gegen einen grauen Jogging, der recht bequem war. Dagegen war die Unterhose, die einen seltsamen Slip-Schnitt hatte, echt unbequem... „Toilettenartikel“ und einzelne persönliche Dinge durften mitgenommen werden. Ich wählte mein Skizzenbuch mit den Stiften und zwei Bücher:, Papaneks „Design für ein besseres Überleben“ und die Masterthesis „Tradition Zukunft“. Nun wurde ich in meine Zelle geführt.

Mein Zuhause für die nächsten Tage beinhaltet einen Handwerklichen schön gefertigten Tisch, welchen ich oft, zusammen mit dem dazugehörigen Holzstuhl vor das schöne sonnige Fenster mit grob gerastertem Bergpanorama schob. Die OSB-Einbaumöbelwand integrierte das Bett, die umbaute Toilette, Flachbildfernseher und die Teeküche sehr schön und in einem Guss.

Am nächsten Morgen fand das Aufnahmegespräch mit dem Anstaltsdirektor statt. Dieser war sehr entspannt und zugleich verdutzt warum ein angehender Gestalter ins Gefängnis gehen will um Erfahrungen zu sammeln. Nach einem kurzen Smalltalk weiß jetzt auch der Gefängnisdirektor in der Schweiz was man unter dem Begriff Design sonst noch alles verstehen kann und für was man solche Leute sonst noch brauchen kann außer um Dinge nur schön und teuer zu machen.

„Gestalter sollen Türen öffnen, die noch nie geöffnet worden sind.“ sagte damals Victor Papanek, ein Zitat, das mich sicher noch bei vielen außergewöhnlichen Dingen begleiten wird.

 

So war ich also in der Zelle, spartanisch, einfach, gut. Die Ausstattung erinnerte an eine Jugendherberge, das 3malige Essen aufs Zimmer, die private Toilette, Teeküche und das Wachpersonal, das vor dem hohen Sicherheitszaum patrouillierte an ein 5 Sternehotel, ich glaube hier bin ich sicher, mich überfällt hier niemand.  Mit der fehlenden Freiheit und den fehlenden Wahlmöglichkeiten ging es mir gut. Begründen konnte ich mir Dies aus den Worten der  Masterthesis. Das oft qualvolle Überangebot an Güter und Möglichkeiten lassen uns im Alltag oft verzweifeln und an unseren Entscheidungen erliegen, dazu war im Gefängnis keine Möglichkeit man musste nehmen was man bekommt, sei es das Essen, die Kleidung oder den Bewegungsfreiraum. Dazu kommt in der Freiheit ein ständiger Wettlauf nach mehr. Mehr Habseligkeiten, mehr Luxus, mehr als der Andere. Wir geraten in Gefahr, das glücklich sein und das kostbare Gut,  sich Zeit zu nehmen für gute Beziehungen oder die einfachen Dinge des Lebens, zu vergessen. Im Gefängnis bleibt einem nichts anderes übrig, als  sich nach einem anderen Wohlstand zu sehnen. Einen Wohlstand, weg von einem, der an materiellem Besitz gemessen wird, sondern an anderen Parametern wie Zeit, Zufriedenheit, Wertschätzung und Wohlbefinden.  Das Wenige, das ich hatte, habe ich sehr geschätzt. Schön ist es ein Vergleich mit dem Raster der Fenstergitter zu ziehen. Die Sicht auf die Berge ist zwar eingeschränkt, grob gerastert und strukturiert, doch schafft es ein Stück weit Sicherheit. Man ist zwar Eingeschränkt und begrenzt mit seinen Möglichkeiten, Raster und Gitter können einem aber auch Geborgenheit, Schutz und Sicherheit geben. Raster als Schutz und Halt oder Raster als Einschränkung? Es gibt sicher keine eindeutige Antwort.

Während der Zeit hatte ich neben den Lektüren auch viel Zeit, um mir Nachrichten und Dokumentationen im Fernsehen anzusehen. Es war sehr interessant, Vorkommnisse in Wirtschaft und Politik abends auf der Zelle viel intensiver wahr zu nehmen, wenn man sich tagsüber mit entsprechender Lektüre beschäftigt, und man sonst keine ablenkenden Dinge um sich herum hat. Was man in der Theorie am Mittag  gelesen hat, sah man zum aller größten Übel abends im Fernsehen in Reportagen und Nachrichten in der Realität. Ein Beispiel dafür waren die Nachrichten über den Untergang vom regionalen Einzelhandel. Durch Großkonzerne und Onlineversand wird explodierender Konsum noch bequemer. Rohstoffe werden noch mehr verprasst und es werden noch mehr Güter um die halbe Welt geschifft. Die ansässigen Betriebe müssen ihre Tore schließen und es gehen viele sinnstiftende Tätigkeiten verloren. Es ist hart in der Zelle zu sitzen und sich nicht zu Wort melden zu können. Alleine in der Zelle ist man viel emotionaler, und so bin ich voller Tatendrang geladen auf und ab gelaufen. Wie ein machtloser Löwe im Käfig.

Das war eine Erfahrung die ich aus dem Gefängnis mitgenommen habe, mehr Energie in das initiieren und bearbeiten von Projekten mit moralisch wertvollen Grundgedanken zu setzen. Victor Papanek hat schon damals an uns Gestalter appelliert, mehr Sozial- ökologisch angetriebene Projekte zu bearbeiten. Nur Jedoch müssen wir Wege finden, um damit auch Geld zu verdienen, um selbst zu überleben. Ein erster Schritt in diese Richtung soll die Gemeinschaft von „Intention with us“ sein. Ein offenes Kollektiv von Studierenden verschiedener Fachrichtungen und Disziplinen, die Projekte mit klarer Intention gemeinsam bearbeiten.

 

 

 

 

Als ich an meinem letzten Morgen in der Zelle erwachte, spürte ich die Wärme der Sonnenstrahlen auf meinen Füßen. Nach einigen entspannten Minuten sprang ich aus dem Bett, schob den Tisch vor das offene Rasterfenster in die Sonne und genoss bei herrlichem  Bergpanorama mein Frühstück. Der letzte der vier Tage war angebrochen und ein herrlicher Tag mit meinem Traktnachbarn stand wieder bevor. Er war auch nur für eine sehr kurze Zeit im Gefängnis. Auf dem Sonnendeck mit Tischtennisplatte, Tischkicker und Sitzgelegenheiten ließen wir es uns auf Schweizer Kosten gut gehen. Um 18Uhr kam der Wärter und rief „Entlassung“ mit freundlicher Stimme. Die Stimmung war immer sehr angenehm und die „Pfleger“ liebevoll. Der Aufenthalt im Gefängnis beinhaltete auch einige Tätigkeiten die wir mit 16SFR am Tag belohnt bekommen haben. Nach der Ausgabe meiner abgegeben Kleidung, Wertgegenständen und dem Sträflingslohn bat ich den Wärter noch ein Erinnerungsbild mit meiner Einwegkamera zu machen. Nun war es 18.30 Uhr und es ging weiter mit dem Rucksack per Anhalter Richtung Süden.

Lago Maggiore war geplant, durch eine nette Mitfahrgelegenheit bekam ich ab San Bernardino  jedoch die Möglichkeit, bis ans Meer an die italienische Riviera nach Imperia mitzufahren. Uwe war 53Jahre alt und Erzieher in München. Er hatte zufällig ein Zelt mehr dabei, das ich nutzen konnte. Nach fünf sonnigen Tagen im Süden, passte unser gemeinsamer Rückreisetag überein, und somit konnte er mich wieder zurück nach Deutschland mitnehmen.

Eine eindrucksvolle und lehrreiche Studienwanderschaft war es und eine wirklich attraktive Alternative zum herkömmlichen Reisen.